Plastikmodellbau – Das stille Hobby

Vor einigen Jahren war es noch Gang und Gebe, dass man sich in zahreichen Geschäften einen Plastikmodellbausatz samt den dazugehörigen Utensilien kaufen konnte. Leider haben sich die Interessen der Gesellschaft verlagert, so fristet diese Art der Freizeitbeschäftigung nun fast schon ein Mauerblümchendasein. Dieser Bericht soll am Beispiel der DHC-6 Twin Otter im Maßstab 1:72 von Revell das schöne Hobby wieder ein wenig ins Gedächtnis rufen.

Was bringt einem das Hobby? Neben – ganz offensichtlich – einem gebauten Modell werden handwerkliche Geschicklichkeit, Feinmotorik, Kreativität und technisches sowie historisches Wissen gefördert. Das fertiggestellte Modell beschert seinem Erbauer ein Erfolgserlebnis; in Zeiten, in denen Wertschätzung und Menschlichkeit oft auf der Strecke bleiben, sicher ein willkommenes Gefühl.

Was man braucht: Klebstoff (für Polystyrol, am Besten mit Kanüle), Farben, Verdünnung (passend zum Farbsystem), gute Pinsel, Spachtelmasse (Nitro), Schleifpapier, Pinzette / Kreuzklemme, Schlüsselfeilen; zur Fixierung von Teilen: Wäscheklammern, Klebeband und Gummiringe; eine Bastelunterlage, ein wenig Geduld und jede Menge Vorfreude.

Bei den Farb- und Klebstoffen sind die Sicherheitshinweise zu beachten!

Auf den Verpackungen der Bausätze sind häufig die wichtigsten, benötigten Farben angegeben, sowie der Schwierigkeitsgrad. Für den Anfang sollte man hier erstmal auf einen einfacheren Bausatz zurückgreifen, schließlich muss man erstmal ein Gefühl für die Materie bekommen. Ein teurer Bausatz ist kein Garant für ein gelungenes Resultat. Im Gegenteil, oft gehen teure Bausätze von der Detaillierung extrem in die Tiefe, was für einen Einsteiger kaum umzusetzen ist. 

Hat man sich für ein Modell entschieden und sich eine möglichst große Nähe zum Original vorgenommen, sollte man ein wenig Recherche betreiben. Das Internet erleichtert diese maßgeblich: Den Typ des Vorbilds in der Bildersuche ausfindig machen, so finden sich oft viele hilfreiche Vorlagen und Informationen. Fast immer erfährt man interessante Hintergründe zum Objekt, was die Recherche meist zu einer spannenden Angelegenheit werden lässt. Natürlich gibt es auch entsprechende Literatur, sogar auf den Modellbau zugeschnittene Dokumentationen.

Ein paar grundsätzliche Tips zum Bau. 

Zunächst sollte man die Anleitung sorgfältig studieren. Oft lassen sich unterschiedliche Versionen bauen, vorab kann man sich markieren, welche gesonderten Baustufen für das Modell beachtet werden müssen und welche Teile dafür benötigt werden. 

Die Teile sollte man so lange wie möglich an den Gießästen lassen, sonst hat man nachher ein „3D-Puzzle“. Die Teile werden mit einem scharfen Bastelmesser herausgetrennt und mit Feile und Schleifpapier entgratet. Kleinteile, innenliegende  Bereiche, oder welche, die später schwer zugänglich sind, sollten vorab lackiert werden.

Um sich mühseliges Abkleben von Fenstern zu ersparen, ist es sinnvoll die Bereiche um die Fenstern herum vor dem Einkleben der Klarsichtteile zu lackieren.

Ist man in der Detail-Lackierung noch nicht so fit, empfehle ich Innenräume in einem sehr dunklen Grau komplett anzustreichen, damit erzielt man eine realistische Tiefenwirkung. Schwarz ist hier „zu hart“, es lässt Konturen verschwinden. 

Beim Verkleben von Kleinteilen erzielt man eine recht schnelle Haftung, indem man den Klebstoff (typischer Polystyrolkleber, der das Material anlöst) beidseitig aufträgt und einen Moment einwirken lässt, bevor man die Teile zusammenfügt.

Niemals den Klebstoff auf die Klarsichtteile auftragen. Am Besten auf das nicht-transparente Gegenstück und den Klebstoff erst ein paar Sekunden einwirken lassen, sodass er etwas zähflüssig wird und nicht mehr über das Klarsichtteil gezogen werden kann (Kapillarwirkung). Aus Ecken Klebstoffansammlungen mit einem Küchentuch herausziehen.

Beim Ausrichten von markanten Teilen, wie Tragflächen und Leitwerke, sind keilförmige Gegenstände zum Unterschieben hilfreich, wie z.B. Wäscheklammern. So trocknen die Teile symmetrisch an.

Der Bausatz der hier gezeigten Twin Otter ist schon ein Oldie. Die Detaillierung fällt entsprechend schlicht aus. Hier waren Bilder vom Original hilfreich. So fertigte ich Antenne, Scheibenwischer, Klampen auf den Schwimmern und die Leiter durch Ziehen von Gießästen an. Dabei erwärmt man ein Stück Gießast über einem Teelicht und zieht es dann vorsichtig auseinander, bis man die gewünschte Dicke erreicht hat.

Ein Wasserflugzeug auf seinen Schwimmern in die Vitrine zu stellen, sieht etwas lieblos aus. Daher sollte mein Modell fliegend präsentiert werden. Ein Holzklotz mit eingeklebtem Silikonschlauch platzierte ich daher im Rumpf, so kann der selbst gebaute Ständer von unten eingeschoben werden. Das Silikonschlauchstück erzeugt dabei eine Hemmung, sodass sich das Modell nicht ungewollt dreht. Pilotenfiguren liegen dem Bausatz leider nicht bei. Da das Flugzeug jedoch in seinem Element dargestellt ist, wäre ein unbesetztes Cockpit unpassend. Ich greife hierbei gerne auf unbemalte Figuren aus dem Modelleisenbahnbereich zurück (H0 / 1:87), die ich entsprechend anpasse. Da auch im richtigen Leben nicht alle Menschen gleich groß sind, fällt die Differenz im Maßsstab 1:72 nicht sonderlich auf. Weiterhin kommt hinzu, dass aufgrund der Materialstärken der Rumpfteile oft sowieso nicht genug Volumen für eine 1:72-Figur zur Verfügung steht, da fällt das einpassen einer etwas kleineren H0-Figur leichter. Man sollte dabei darauf achten, dass die Augenhöhe stimmt, der Pilot sollte so hoch sitzen, damit er rausschauen kann oder der Kopf sich auch vor einer Kopfstütze befindet, falls vorhanden. Gegebenenfalls muss man etwas unterlegen.    

Etwas Geduld und ein Gespür für richtiges Verdünnen der Farbe erfordert der Anstrich. Falls es beim ersten Versuch nicht gleich hinhaut, die Farbe trocknen lassen, Lacknasen oder andere Patzer abschleifen und nochmals überlackieren.

Helle Farben müssen evtl. relativ stark verdünnt und mehrschichtig aufgetragen werden. Das Weiß der hier gezeigten Twin Otter wurde in fünf Schichten aufgepinselt, davor wurde mit Lichtgrau grundiert und vor jedem neuen Farbauftrag die Oberfläche fein angeschliffen. Auch Farben wie Rot, Blau, Gelb, Grün (v.a. glänzend) und Leuchtfarben haben in der Regel keine gute Deckkraft, hier sollte man mit Weiß grundieren. Matte Tarnfarben sind leichter in der Handhabung und decken meist schon mit der ersten Schicht. 

Läuft Farbe auf ein Klarsichtteil, kann man diese gefahrlos nach dem Antrocknen mit einem Zahnstocher herunterrubbeln.  

Will man gerade Linien oder klar abgegrenzte Flächen lackieren, hilft nur Abkleben. Es gibt für den Modellbau speziell dafür optimierte Maskierklebebänder (Masking Tape), mit Isolierklebeband geht es auch. Es kommt vor, dass Farbe die Abklebung unterläuft: Trocknen lassen und überlackieren, gegebenenfalls die Gegenseite abkleben, kleine Korrekturen gelingen auch freihändig.

Hat das Modell seinen Anstrich erhalten, geht es an das Anbringen der Nassschiebebilder (Decals). Diese können manchmal etwas störrisch sein, und wollen sich nicht so richtig an die Oberfläche anpassen. Ist das Modell mit matten Farben lackiert, hilft es, das Modell vor dem Anbringen der Decals mit glänzendem Klarlack einzusprühen. Eine Glänzende Oberfläche hat eine glatte Struktur, was die Haftung begünstigt. Weiterhin gibt es Weichmacher (Mark/Decal Softer), mit denen man die Nasschiebebilder einstreichen kann. Diese lösen den Trägerfilm an, so entsteht eine bessere Haftung zur Oberfläche. Zum Schluss sollte man das fertige Modell auf jeden Fall ein weiteres Mal mit Klarlack einsprühen um die Nasschiebebilder zu versiegeln; mit matt, seidenmatt oder glänzend, je nachdem, was für eine Oberfläche man erzielen will. Die Twin Otter erhielt einen seidenmatten Überzug.

Es lässt sich von der Detaillierung und Realitätsnähe auch noch deutlich tiefer gehen, als am hier gezeigten Modell, hier muss jeder selbst seinen Stil finden, das Wichtigste ist, dass man Freude daran hat. Der Weg ist das Ziel bei diesem Hobby.

Für Pforzheimer und Bastler in der Umgebung: In der untersten Etage der Schlössle-Galerie – bei Müller in der Spielwarenabteilung – findet sich alles Grundlegende, was man für das Hobby braucht. 

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist, findet viele auf den Hobbyeinsteiger zugeschnittene Tipps und Tricks z.B. in dem Buch „Das grenzenlos kreative Hobby – Plastikmodellbau“. Auch kann man sich Appetit und Infos zu dem Hobby auf Seiten wie www.modellversium.de holen, auf denen viele Modellbauer ihre Werke präsentieren und Neuigkeiten aus der Branche täglich präsentiert werden. 

Vorsicht! Suchtgefahr!

Thomas Brückelt

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